Warum ABA?
Warum Applied Behavior Analysis (ABA)?
von Robert Schramm
Da Sie sich mit diesem Text befassen, sind Sie wahrscheinlich Elternteil eines Kindes mit Autismus oder mit Asperger-Syndrom. Es ist zu hoffen, dass Sie diese Diagnose früh genug erfuhren, bevor durch verspätete Maßnahmen Nachteile für Ihr Kind entstanden sind.
Möglicherweise gehören Sie auch zu den Eltern, die schon recht früh erkannten, dass mit ihrem Kind etwas nicht stimmt. Sie erkannten diese Fakten – wie in Deutschland üblich – lange vor den Ärzten, die Sie zu Rate gezogen haben. Das Problem der Ärzte besteht meiner Meinung immer noch darin, dass sie entweder unfähig oder nicht bereit sind, die Diagnose Autismus zu stellen, bevor sie nicht alle anderen möglichen Diagnosen ausgeschlossen haben. Vielleicht verhalten sie sich so, um die kommende Aussage abzumildern, vielleicht, weil sie sich nicht sicher genug sind. Höchstwahrscheinlich liegt die Ursache aber wohl in der Tatsache begründet, dass sie im Voraus wissen, Autismus nicht heilen zu können.
Unglücklicherweise führt dieser Umstand aber dazu, dass mit jedem verstrichenen Tag Zeit vergeht, in der man schon anderweitig Hilfe für Ihr Kind hätte suchen und finden können. So gehen manchmal Jahre unwiederbringlich verloren, ohne dass eine Fördermaßnahme ergriffen wird.
Ich gehe davon aus, Sie befinden sich nun auf dem Weg, geeignete Hilfe zu finden. Möglicherweise erhielten Sie einen Hinweis von einem Freund oder Sie fanden uns im Internet bei der Suche unter dem Stichwort „Autismus“. Egal wie, folgendes ist anerkennenswert: Sie suchen nach Hilfe! Sie verlangen Antworten auf Ihre Fragen. Sie wollen wissen, wie Ihrem Kind zu helfen ist und ob es eine realistische Chance gibt, den Autismus zu besiegen. Sie wollen auch wissen, was die Wissenschaft der Applied Behavior Analysis (ABA - angewandte Verhaltensanalyse) ist und warum Sie Ihre kostbare Zeit abgeben sollen, um sich damit zu beschäftigen.
Bis zum heutigen Tage werden Sie sicher von vielen so genannten „Behandlungen“ gehört haben, mit denen man Kinder mit einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS) zu therapieren versucht. Ich selbst habe mit Kindern mit Autismus seit 1997 in den USA und Europa gearbeitet und dabei die unterschiedlichsten gängigen Methoden kennen gelernt und studieren können. Einige Behandlungen dienten dazu, dass Kinder etwas dazulernten. Andere sind lediglich Autismus-Management-Systeme.
Ich werde Ihnen jetzt meine Erfahrungen mit den gängigen Praktiken und meine daran angeknüpften Überlegungen schildern und letztendlich Ihre Frage beantworten: Warum ABA? – Was bietet mir ABA?
Medizinische Behandlungen
Nach meinem Wissen, gibt es momentan keine Medikamente, die Autismus heilen. Es gibt auch keine Drogen, die ein Kind zum Lernen bewegen. Es sind lediglich einige Arzneimittel erhältlich, die den Stoffwechsel eines Kindes beeinflussen und damit aggressives Verhalten mindern. Damit wird allerdings das Verhalten nicht wirklich korrigiert, sondern Schwächen werden versteckt. Häufig sind solche Kinder nach der Behandlung weniger aktiv als vorher und fast lethargisch. Obwohl der Einsatz dieser Medikamente sinnvoll sein mag, um schwere Aggressionen und Selbstverletzungen zu verhindern, muss unbedingt betont werden, dass damit kein Kind sinnvolle und nützliche Verhaltensweisen dazulernt. Im Gegenteil, in manchen Fällen wird späteres Lernen durch den Einsatz dieser Medikamente zusätzlich erschwert.
Delphin-Therapie
Das ist – so denke ich – die Methode, von der „man gehört hat, dass sie hilft, und deshalb probiere ich sie auch aus“. Ich habe keinen Zweifel daran, dass einige Kinder mit Autismus Fortschritte erzielen, wachsamer werden und weniger Frustrationen erleben, nachdem sie mit Delphinen geschwommen sind. Auf diese Methode bauen viele Eltern.
So könnte man auch vermuten, dass ähnliche Ergebnisse mit Reiten, Schaukeln, im tiefen Wasser schwimmen oder einer Bühnenschau mit lauter Musik und grellem Licht zu erzielen sind.
Als Wissenschaftler verlange ich nun aber unabhängige wissenschaftliche Nachweise darüber, dass die Delphintherapie anhaltend wirkt. Bis heute liegen sie aber nicht vor. So bleibt die Delphintherapie lediglich ein Weg, Kindern mit Autismus ein schönes Erlebnis zu vermitteln. Ich sage hiermit nicht, dass Delphinschwimmen nicht nützlich ist. Nur, bevor ich diese Methode empfehlen kann, müssen langfristige Forschungsergebnisse vorliegen.
TEACCH
Ich hatte die Gelegenheit, diese Methode zu studieren, und benutze einiges davon auch heute noch in meinem ABA-Programm.
TEACCH ist ein planmäßiges System, das Kindern mit Autismus hilft, ihre Umgebung besser zu verstehen. Wenn es sinnvoll eingesetzt wird, kann TEACCH dazu beitragen, die Veränderungen in unserer schnelllebigen Welt besser zu verstehen und Verwirrungen zu vermeiden. Jedoch muss ich zugeben, dass mancher Erfolg von TEACCH daher rührt, dass unter weniger Stress und geringerer Frustration auch Kinder mit Autismus von klaren Anweisungen und genau abschätzbaren, erreichbaren Erwartungen profitieren. Bei TEACCH handelt es sich um ein gutes Autismus-Management-System und ein durchstrukturiertes Therapiekonzept, aber es hilft dem Kind nicht, neue Fähigkeiten zu erwerben.
PECS
Das Picture Exchange Communication System (Bildaustausch-Kommunikationssystem) war ein sehr wichtiges Programm für die Autismus-Intervention. Besonders in extrem schwierigen Fällen, wenn Kinder mit Autismus nicht bereit oder in der Lage sind zu kommunizieren. PECS (das am besten durch das ABA-Programm vermittelt wird) beweist, dass annähernd jedes Kind mit Autismus zumindest einige Formen der Kommunikation erlernen kann. Dabei ersetzen Bildkarten die verbale Sprache. Ein Problem bei der Anwendung von PECS ist, dass ohne ABA Kinder nur lernen, was Kommunikation ist. Richtig angewandt – mit der korrekten Nutzung der ABA-Prinzipien – ermöglicht PECS und auch Zeichensprache, als sehr vereinfachte Form der Gebärdensprache, dass Kinder der effektiven verbalen Kommunikation wesentlich näher kommen als mit jeder anderen Methode. Ferner möchte ich hinzufügen, dass der Einsatz von Zeichen m. E. eine bessere “Brücke” zur verbalen Sprache ist als PECS.
Bio-Medizinische Behandlungen
Ich kenne etliche Familien, die bio-medizinische Behandlungen für ihre Kinder erfolgreich eingesetzt haben, um ihren Kindern die bestmögliche „Lernposition“ zu verschaffen. Ich kenne aber auch andere Familien, die so gut wie keinen Erfolg gesehen haben. Liegen Darmprobleme, Nahrungsmittelallergien oder andere für Kinder mit Autismus besonders schwerwiegende Ernährungsprobleme vor, kann ich verstehen, wie sehr eine passende Nahrungsmitteldiät einem Kind helfen kann. Aber wiederum gilt auch hier, die besten bio-medizinischen Behandlungen werden ihrem Kind nur helfen, wacher am Leben teilzunehmen und bereit sein zu lernen. Kein Medikament oder ähnliches, wird ihrem Kind aber irgendetwas beibringen.
Sensorische Integration
In meinem ABA-Programm benutzte ich einige Techniken der Sensorische Integration. Nach dem, was Temple Grandin und andere erwachsene Autisten schriftlich geäußert haben, fällt es Kindern mit Autismus sehr schwer, ihren Körper wahrzunehmen und zu verstehen. Ihre Sinne sind entweder überladen oder haben ‚zugemacht’. Viele Kinder mit Autismus sehen einen an oder hören zu, aber sie können nicht beides gleichzeitig. Mit dem Wissen dieser Defizite, benutze ich die Techniken der Sensorische Integration, wie „Deep Pressure“, „Joint Compression“ und „Brushing“, um Kindern zu helfen, sich zu beruhigen, aufmerksam zu werden und gefestigt in ihrem Körper zu leben. So sehr, wie ich die Sensorische Integration auch als nützlich und erfolgreich im ABA-Programm erlebe, muss ich doch zugeben, dass es sich hier ähnlich wie bei den bio-medizinischen Medikamenten um einen Weg handelt, der kein Lehrplan ist und der das Kind keine einzige Fähigkeit vermittelt.
Spiel-Therapie (Floortime)
Es gibt einige Forschungen, die belegen, dass Spieltherapie gut für Kinder mit Autismus ist. Die Therapie stellt den Therapeuten als Überbringer von guten Dingen dar. Wenn ein Kind einen Therapeuten als etwas Positives sieht, erscheinen diese Kinder bald als weniger ‚autistisch’. Denn das Kind ist in der Lage seinen Motivationen zu folgen, indem es das Spiel leitet. Bei ABA mit dem Verbal Behavior - Ansatz ist Motivation das Erfolg versprechende Geheimnis des Lernens. Das eigentliche Problem der Spieltherapie ist, dass die Möglichkeiten jedoch begrenzt sind. Es kann Sozialisation in die Gemeinschaft fördern, jedoch nicht die Kommunikation oder andere für das jeweilige Kind sehr wichtige Fähigkeiten. Bei ABA lehren wir ein Konzept, das wir ‚Pairing’ (Beziehungsaufbau) nennen. Es wird ähnlich wie die Spieltherapie durchgeführt, ist aber nur ein Bestandteil eines größeren Förderplans.
Nun zurück zur Eingangsfrage: Warum ABA?
ABA ist eine evidenzbasierte Lehrmethode. Man studiert, wie man lernt, sich zu benehmen, sich zu verhalten. Die Ergebnisse dienen dazu, dass Kinder mit Autismus befähigt werden, besser im Leben zurechtzukommen und so in der Lage sind, ein erfolgreicheres Leben zu führen. Grundlage ist eine über 50-jährige wissenschaftliche Forschungsarbeit; die Strategien haben sich kontinuierlich verändert und wurden verbessert. Wann immer sich ein neuer Weg als besser erwies, ersetzte er sofort alte, weniger effektive Strategien. Das ABA-Konzept ist einfach. Wir zerlegen Lernschritte in kleinste Teile und unterrichten sie nacheinander. Tatsächlich lehren wir das Kind zu lernen. Mit jeder kleinen neuen Fähigkeit, die das Kind erwirbt, wird auch das Erlernen weiterer Fähigkeiten begünstigt.
Und so funktioniert ABA:
Wenn ich ein Kind veranlassen möchte, ein neues Verhalten auszuüben, kann ich seine Umgebung so verändern, dass der einfachste Weg für das Kind ist, das zu bekommen was es möchte, wenn es dieses Verhalten demonstriert. Ein solch gelungenes Verhalten wird dann positiv mit Belohnungen verstärkt. In einem guten ABA-Programm gewinnt jeder! Das Kind lernt, wie es effektiver und rationeller zum Ziel gelangt, und die Familie gewinnt ein Kind mit zunehmender sozialer und kommunikativer Kompetenz. Vielen Kindern gelingt es sogar, durch kleine Schritte des ABA-Programms, ganz langsam aus ihrer Diagnose zu entweichen.
Der erfreuliche und aufregende Moment der ABA-Konzeption ist eigentlich, dass sie jedermann mit gesundem Menschenverstand anwenden kann. Alles, was man zunächst braucht, sind die grundlegenden Verhaltensprinzipien, die man dann seinem Kind beibringt. ABA kann somit jede Fähigkeit lehren. Wichtig ist allein, dass man die beste Strategie herausfindet und diese bei einer Fähigkeit anwendet, die man versucht, dem Kind beizubringen. Dabei können wir auf die Ergebnisse 50-jähriger Forschung zurückgreifen und müssen uns nicht über ‚Versuch und Irrtum’ vorantasten. Glücklicherweise sind die Methoden bekannt und stehen uns zur Verfügung.
Das einzige Problem ist, dass ABA nicht einfach nur ein Programm ist, das man anwendet. Ihr Kind lernt nämlich schon jetzt von seinem Umfeld. Und ob Sie nun ABA sach- und fachgerecht anwenden oder nicht, die Umgebung prägt Ihr Kind ständig. Und deshalb muss man danach fragen, was Ihr Kind allein durch sein Umfeld schon gelernt hat. Und die Antwort wird sein: „Es hat jede seiner Verhaltensweisen bereits gelernt, von der ich jetzt gerne wüsste, wie man sie ändern kann.“
Und warum nun Applied Behavior Analysis? …weil ABA Ihnen aufzeigt, wie Sie Ihr Kind unterrichten können.
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